Und dann fährst du einfach los
- Anne Jonigkeit
- 18. Aug.
- 9 Min. Lesezeit
Wenn man jahrelang von einer Weltreise spricht, erwartet man offenbar irgendwann, dass das Universum am Tag der Abfahrt wenigstens ein bisschen mitarbeitet. Ein dramatischer Sonnenaufgang wäre nett gewesen, vielleicht ein dezentes Zeichen, dass jetzt gerade etwas Großes passiert, notfalls hätte ich auch einen perfekt getimten Song im Radio genommen, bei dem wir uns alle drei bedeutungsvoll ansehen und wissen: Das ist er, dieser eine Moment, an den wir uns für immer erinnern werden. Stattdessen steigt man irgendwann in ein viel zu vollgepacktes Wohnmobil, fragt zum ungefähr 48. Mal, ob wirklich alle Ladeklappen zu sind, ob der Hund drin ist und ob irgendjemand die Pässe gesehen hat, und dann fährt man einfach los, so unspektakulär, dass der eigene Kopf offenbar gar nicht mitbekommt, dass das, worüber man jahrelang gesprochen hat, gerade tatsächlich passiert.

So beginnt sie also, unsere Weltreise, nicht mit einem Feuerwerk, sondern mit einem Blinker, und während ich das hier schreibe, stehen wir irgendwo in den Schweizer Bergen auf einem Stellplatz, vor mir diese absurd schöne Kulisse, neben mir unser Wohnmobil und in meinem Kopf immer noch die leise Vermutung, dass wir gerade Urlaub machen und in spätestens zwei Wochen wieder nach Hause fahren. Nur tun wir das diesmal nicht, und genau dieser kleine Unterschied zwischen „Wir sind im Urlaub“ und „Das hier ist jetzt unser Leben“ ist so groß, dass mein Gehirn offenbar beschlossen hat, ihn erst einmal zu ignorieren.
Wie kann etwas so Großes wie eine Weltreise plötzlich so normal sein?
Ich glaube, mein Kopf hat ein kleines zeitliches Problem, denn während unser Wohnmobil längst in der Schweiz steht, befindet sich ein Teil meines Gehirns offenbar noch zu Hause zwischen Reiseunterlagen, To-do-Listen und der Frage, ob wir wirklich alles bedacht haben. Monatelang war diese Weltreise nämlich kein Leben, sondern ein Projekt, das aus Routen, Buchungen, Versicherungen, Schulfragen, Abmeldungen, Finanzen, Impfungen, Dokumenten, Kisten und so vielen Listen bestand, dass ich irgendwann Listen darüber geführt habe, was noch auf andere Listen muss, und wenn es eine olympische Disziplin im Vorausdenken gäbe, hätte ich Deutschland vermutlich sehr würdig vertreten.
Über allem schwebte dabei dieser eine Satz: „Wenn wir erst mal unterwegs sind.“ Wenn wir erst mal unterwegs sind, wird es ruhiger, wenn wir erst mal unterwegs sind, können wir schauen, wie sich das alles einspielt, und wenn wir erst mal unterwegs sind, müssen wir nicht mehr ständig diese Reise vorbereiten, sondern dürfen sie endlich leben. Dieses „unterwegs“ war monatelang ein Zustand irgendwo in der Zukunft, ungefähr so greifbar wie Weihnachten im April, und dann war plötzlich der Tag da, an dem es nichts mehr vorzubereiten gab und ausgerechnet das, was so riesig gewirkt hatte, auf eine ziemlich banale Handlung zusammenschrumpfte: Wir mussten einsteigen und fahren.
Bevor du irgendwo ankommst, musst du erst einmal gehen
Was man bei all den schönen Bildern einer Weltreise leicht vergisst, ist der Teil davor, denn bevor du irgendwo neu ankommst, musst du erst einmal gehen, und das klingt in einem hübschen Reisezitat wesentlich romantischer, als es sich anfühlt, wenn du tatsächlich vor Menschen stehst, die du liebst, und weißt, dass du sie jetzt lange nicht einfach mal am Wochenende sehen wirst. Ich hatte mich so sehr auf diese Reise gefreut und trotzdem gemerkt, dass Vorfreude und Traurigkeit problemlos gleichzeitig in einen Menschen passen, genauso wie Mut und Angst, Freiheit und Heimweh, Euphorie und der vollkommen irrationale Wunsch, kurz vor der Abfahrt noch einmal zu kontrollieren, ob man nicht aus Versehen etwas lebensnotwendig Wichtiges vergessen hat, obwohl es in der Schweiz meines Wissens ebenfalls Geschäfte gibt.
Vielleicht hatte ich vorher unterschätzt, dass eine große Entscheidung eben nicht nur bedeutet, sich für etwas Neues zu entscheiden, sondern automatisch auch, etwas Vertrautes zurückzulassen, und dass beides gleichzeitig wahr sein darf. Ich kann mich wahnsinnig auf das freuen, was vor uns liegt, und trotzdem traurig darüber sein, was hinter uns bleibt, ich kann genau wissen, dass ich diese Reise will, und trotzdem Momente haben, in denen mir die Sicherheit meines alten Alltags fehlt. Wir sortieren Gefühle gern ordentlich in richtig oder falsch, obwohl sie sich in Wirklichkeit benehmen wie eine schlecht organisierte Familien-WhatsApp-Gruppe und grundsätzlich alle gleichzeitig etwas zu sagen haben.

Vielleicht ist Erwachsensein am Ende sowieso hauptsächlich die Erkenntnis, dass man fünf komplett widersprüchliche Gefühle gleichzeitig haben kann und trotzdem irgendwann Abendessen machen muss.
Unsere Weltreise mit dem Wohnmobil beginnt in der Schweiz
Und jetzt stehen wir also hier, in der Schweiz, zwischen Bergen, Stellplatz und Wohnmobil, und wenn man uns von außen betrachtet, sieht das vermutlich nach einem ziemlich klassischen Campingurlaub aus, was ziemlich genau dem entspricht, was mein Gehirn ebenfalls daraus macht. Wir fahren irgendwohin, suchen einen Stellplatz, holen die Campingstühle raus, machen Essen, schauen uns die Umgebung an und überlegen, was wir morgen machen, also exakt das Programm, das mein Kopf unter „Urlaub“ abgespeichert hat, nur fehlt diesmal der entscheidende letzte Punkt: Irgendwann fahren wir wieder nach Hause.
Es gibt diesmal kein „noch zwölf Tage“, keinen letzten Sonntagabend und keinen Montagmorgen, an dem der Wecker klingelt und das normale Leben wieder beginnt, weil dieses Unterwegssein für die nächsten Monate unser normales Leben sein soll. Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich noch nicht richtig begreife, was gerade passiert, denn wir machen keinen Urlaub von unserem Leben, sondern wir haben unser Leben eingepackt und mitgenommen, inklusive Arbeit, Schule, Wäsche, Einkaufen, schlechter Laune, Zahnpasta und der Erkenntnis, dass man auch vor einer spektakulären Bergkulisse darüber diskutieren kann, wer schon wieder irgendetwas irgendwo hingelegt hat.
Ich glaube, genau hier beginnt der Unterschied zwischen Reisen und unterwegs leben, denn wir müssen nicht jeden Tag etwas erleben, nur weil wir gerade an einem schönen Ort sind. Wir dürfen auch an einem wunderschönen Schweizer See stehen und beschließen, dass heute überhaupt nichts passiert, wir dürfen arbeiten, lernen, Wäsche waschen, Nudeln kochen oder einen kompletten Nachmittag vertrödeln, ohne dass wir damit einen wertvollen Urlaubstag verschwendet haben. Wenn das hier unser Alltag ist, dann darf er nämlich genau das sein: Alltag, nur mit wechselnder Aussicht.
Vielleicht muss man Freiheit erst einmal lernen
Freiheit hatte ich in meinem Kopf lange als Gefühl abgespeichert, wahrscheinlich irgendwo zwischen barfuß am Strand, Sonnenuntergang und einem Menschen, der ganz offensichtlich niemals eine Steuererklärung machen muss, und jetzt merke ich, dass sie sich viel unspektakulärer zeigt. Sie steckt gerade vor allem darin, dass wir Zeit haben, dass wir nicht alles sehen müssen, dass wir nicht heute noch schnell irgendwohin fahren müssen, weil wir schon mal hier sind, und dass wir einen Ort verlassen können, wenn er uns nicht gefällt, oder bleiben können, wenn er uns gefällt.
Das klingt banal, aber für jemanden, dessen Leben jahrelang von Arbeit, Schule, Terminen, Urlaubstagen, Verpflichtungen und diesem permanenten Blick auf die Uhr strukturiert war, ist Zeit plötzlich ein ziemlich ungewohntes Gut. Man schaltet dieses innere Programm nämlich nicht automatisch aus, nur weil man mit einem Wohnmobil über eine Landesgrenze fährt, und leider nimmt man sich selbst auf so eine Weltreise vollständig mit, was ich persönlich organisatorisch etwas unglücklich finde, weil ich meine Angewohnheit, alles durchdenken, planen und möglichst sinnvoll nutzen zu wollen, gern irgendwo kurz hinter München an einer Raststätte ausgesetzt hätte.
Hat sie abgelehnt und sitzt jetzt mit in der Schweiz.
Vielleicht wird diese Reise deshalb gar nicht nur davon handeln, welche Länder wir sehen, sondern auch davon, wie wir leben wollen, wenn vieles von dem wegfällt, was unseren Alltag bisher bestimmt hat, und wie viel Struktur wir brauchen, wenn plötzlich niemand von außen vorgibt, wie unser Tag aussehen muss. Vielleicht ist Freiheit eben nicht nur die Abwesenheit von Verpflichtungen, sondern auch die Verantwortung, selbst zu entscheiden, womit man seine Zeit füllt, und ich ahne, dass dieser Teil für mich fast spannender werden könnte als jede Route auf unserer Landkarte.

Das Verrückte an großen Entscheidungen
Seit wir losgefahren sind, beschäftigt mich vor allem, wie unspektakulär sich etwas anfühlen kann, das man vorher für lebensverändernd gehalten hat, denn ich glaube, wir erwarten von großen Entscheidungen eine Art innere Bestätigung, am besten noch bevor wir sie treffen. Wir möchten uns bereit fühlen, sicher, mutig und vollkommen überzeugt, damit wir anschließend elegant in unser neues Leben spazieren und rückblickend sagen können: „Ich wusste einfach, dass es richtig ist“, wobei ich nicht weiß, wer diese Menschen sind, aber ich gehöre definitiv nicht dazu.
Ich habe vor dieser Weltreise gezweifelt, gerechnet, mich gefreut, mir Sorgen gemacht, wieder gerechnet, mich gefragt, ob wir komplett bescheuert sind, mich fünf Minuten später wieder darauf gefreut wie ein Kind und danach vorsichtshalber noch einmal irgendeine Versicherung kontrolliert. Das Interessante daran ist rückblickend gar nicht, dass die Zweifel irgendwann verschwunden wären, denn das sind sie nicht, sondern dass sie verschwinden mussten, damit wir fahren konnten.
Vielleicht ist genau das eine der größten Fallen, in die wir geraten, wenn wir etwas in unserem Leben verändern wollen: Wir glauben, wir müssten uns erst bereit fühlen. Wir warten auf den Moment, in dem die Angst weg ist, die Zweifel verstummen, die Umstände perfekt sind und unser Bauchgefühl eine schriftliche Bestätigung mit Stempel schickt, dass wir jetzt gefahrlos anfangen dürfen, aber dieser Moment kommt oft nicht. Manchmal entscheidet man sich mit klopfendem Herzen, mit offenen Fragen und mit einem Kopf, der noch mindestens 37 Gegenargumente vorbereitet hat, und merkt erst später, dass man längst mitten in dem Leben steht, für das man sich vorher nicht bereit gefühlt hat.
Für dein „Irgendwann“ brauchst du kein Wohnmobil
Und genau hier hat diese Geschichte für mich plötzlich gar nicht mehr so viel mit unserem Wohnmobil oder der Schweiz zu tun, denn die wenigsten Menschen stehen morgens auf und überlegen, ob sie heute spontan für ein Jahr um die Welt reisen sollten, und ich würde das übrigens auch nicht empfehlen, wenn man nicht zufällig große Freude an Versicherungsbedingungen, Gepäckbestimmungen und internationalen Einreiseformularen entwickelt hat.
Dieses „Wenn irgendwann …“ kennen wir trotzdem fast alle. Wenn es im Job ruhiger wird, schaue ich mich nach etwas Neuem um, wenn die Kinder größer sind, mache ich endlich wieder mehr für mich, wenn ich mehr Geld habe, starte ich dieses Projekt, wenn ich weniger Angst habe, treffe ich diese Entscheidung, und wenn ich mich endlich sicher genug fühle, sage ich, was ich wirklich will. Wir warten auf eine Version unseres Lebens, in der alle Ampeln gleichzeitig auf Grün springen, niemand enttäuscht ist, nichts schiefgehen kann und wir uns hundertprozentig bereit fühlen, nur hat das echte Leben leider einen ziemlich schlechten Kundenservice und liefert diese Bedingungen äußerst selten.
Meine Krebserkrankung hat meinen Blick auf dieses „irgendwann“ verändert, und zwar nicht auf diese dramatische Art, bei der ich seitdem jeden Sonnenuntergang bewusst inhalieren und morgens dankbar weinend mein Leben feiern muss, denn ganz ehrlich, manchmal möchte ich auch einfach mit fettigen Haaren irgendwo sitzen und mich darüber aufregen, dass jemand die leere Klopapierrolle nicht ersetzt hat. Aber sie hat mir gezeigt, dass Zeit nichts ist, was uns jemand verbindlich zugesagt hat, und dass man aufpassen muss, aus „später“ nicht unbemerkt „nie“ zu machen.
Vielleicht war genau das irgendwann der Punkt, an dem aus unserer verrückten Idee eine Entscheidung geworden ist, denn wir wollten nicht mehr nur davon erzählen, dass wir eines Tages gern eine Weltreise machen würden. Wir wollten wissen, wie es sich anfühlt, es tatsächlich zu tun, mit allem, was dazugehört, auch mit Angst, Abschied, offenen Fragen und dem Wissen, dass wir keine Ahnung haben, wie dieses Jahr am Ende aussehen wird.
Vielleicht merkt man erst später, dass das Leben gerade abgebogen ist
Heute ist Tag zwei unserer Weltreise, und genau deshalb werde ich hier nicht so tun, als hätte ich nach zwei Nächten im Wohnmobil bereits die sieben Geheimnisse eines freien Lebens entschlüsselt, denn ich habe keine Ahnung, wie sich diese Reise in drei Monaten anfühlen wird. Ich weiß nicht, wann das erste richtige Heimweh kommt, wie oft wir uns gegenseitig auf die Nerven gehen, ob wir irgendwann dringend vier feste Wände brauchen oder ob sich dieses kleine Zuhause auf Rädern schneller nach Zuhause anfühlt, als ich gerade denke, und ich weiß auch nicht, welche Orte uns umhauen, welche wir komplett überschätzt finden, welche Menschen wir kennenlernen und welche Geschichten am Ende mit uns nach Hause kommen.
Vielleicht ist genau dieses Nichtwissen der Teil, an den ich mich am meisten gewöhnen muss, weil ich normalerweise ausgesprochen gern vorher weiß, wie Dinge ausgehen, was das Leben allerdings hartnäckig ignoriert. Diesmal bleibt mir nichts anderes übrig, als weiterzufahren und zu schauen, was passiert, und vielleicht merkt man bei den wirklich großen Veränderungen sowieso erst rückblickend, wann das eigene Leben abgebogen ist, weil man währenddessen viel zu beschäftigt damit ist, einen Stellplatz zu finden, Essen zu machen und herauszufinden, wo zum Teufel schon wieder das Ladekabel liegt.

Kann sein, dass ich diesen Artikel in einem Jahr noch einmal lese und mich an diesen Stellplatz erinnere in den Schweizer Bergen, an Tag zwei, an dieses seltsame Gefühl zwischen Urlaub und neuem Leben und daran, dass ich damals noch darauf gewartet habe, dass sich unsere Weltreise endlich nach Weltreise anfühlt. Vielleicht weiß ich dann längst, dass Freiheit überhaupt kein permanenter Ausnahmezustand ist, sondern viel alltäglicher, leiser und unspektakulärer daherkommt, als ich es mir vorgestellt habe, und dass sie manchmal schlicht bedeutet, morgens aufzuwachen, einen Kaffee vor dem Wohnmobil zu trinken, meine Familie neben mir zu haben und zu wissen, dass wir heute nirgendwo anders sein müssen.
Wir haben so lange geplant, gerechnet, organisiert, gezweifelt und über dieses eine Jahr gesprochen, dass ich fast vergessen hatte, dass irgendwann der Moment kommen würde, in dem es nichts mehr zu planen gibt, sondern nur noch etwas zu leben. Jetzt sind wir hier, mit unserem viel zu vollgepackten Wohnmobil, den Schweizer Bergen vor der Tür und einer ziemlich großen Welt vor uns, von der wir noch keine Ahnung haben, welche Geschichten sie für uns bereithält, und vielleicht muss sich das gerade gar nicht größer anfühlen.
Vielleicht reicht es, dass wir irgendwann den Blinker gesetzt haben und losgefahren sind.
Und dass aus unserem ewigen „irgendwann“ ganz unbemerkt ein „jetzt“ geworden ist.


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